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Forschungskolloquium Gender

Das Forschungskolloquium der Hamburger Hochschulen zu gendertheoretischen, (queer-) feministischen oder emanzipatorischen Fragestellungen findet vierzehntägig Dienstags von 17:00 bis 19:00 Uhr statt.

Das Ziel ist ein Forum, das eine intersektionale Perspektive auf Gender im Zusammenhang mit weiteren strukturellen Vulnerabilitätsmarkern wie race, class, oder ability eröffnet.

Master-, PhD Studierende oder Post-Docs, die Interesse an einem regelmäßigem fachlichen und kollegialen Austausch haben, sind herzlich eingeladen. Anmeldungen bitte per E-Mail an gender-kolloquium@gmx.de. Um möglichst vielen Personen eine angenehme Teilnahme zu ermöglichen, teilt auch besondere Zugangsbedürfnisse, Fragen oder Anregungen vorab mit.


Interview mit den Initiatorinnen des Gender Forschungskolloquiums, Mirjam Faissner und Mirja Riggert

 

MK: Was ist das Forschungkolloquium Gender? Für wen ist es gedacht und wie funktioniert es?

MR: Wir wollten einen Raum zum Austausch zu Gender-, Queer- und feministischer Forschung schaffen, in dem wir interdisziplinär miteinander ins Gespräch kommen. Das Kolloquium soll dabei der Vereinzelung entgegenwirken, die wir verstärkt durch die Pandemie erfahren, und ein niedrigschwelliges und offenes Forum zur wechselseitigen Unterstützung bieten.

MF: Die Teilnehmenden kommen aus vielen verschiedenen Fächern, u.a. sind Medizin, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften, Soziale Arbeit, Philosophie und Politikwissenschaften vertreten. Das verbindende Element ist eine kritisch-feministische und intersektionale Perspektive auf unsere jeweiligen Forschungsgegenstände.

MR: Wir bestimmen gemeinsam ein Programm. Bislang wurden sowohl gemeinsam Theorietexte gelesen und besprochen sowie eigene Paper oder Kapitelentwürfe vorgestellt. Außerdem tauschen wir uns aus zu Herausforderungen und Konflikten im Arbeitsumfeld oder zu Erfahrungen beispielsweise in der Antragstellung. Manchmal geht es aber auch um kritische Betrachtungen des Unibetriebs und institutioneller Strukturen oder ebenso um feministische Themen aus der Popkultur.

MF: Gegenseitiges Empowerment und informeller Austausch sind uns ebenso wichtig wie inhaltliche Diskussionen – und wir freuen uns über weitere Interessierte. 

MR: Ich erlebe unser informelles Zusammenkommen aus unterschiedlichsten Fachbereichen wirklich als sehr bereichernd, da ich schon jetzt viele Impulse für meine Forschung bekommen habe, die ich aus innerfachlicher und vielleicht auch etwas befangenerer Atmosphäre so nicht erhalten würde. Meine Dissertation könnte durch die sozial- und kulturwissenschaftlichen Anregungen viel politischer werden, als ich es anfangs gedacht habe.

MK: Wie beeinflusst Corona Eure wissenschaftliche Arbeit und was hilft Euch, um weiterhin gut (oder sogar besser) arbeiten zu können?

MR: Eine zusätzliche Herausforderung ist natürlich der mangelnde ungezwungene und ungeplante Kontakt auch im Hochschulkontext. Statt gemeinsamer Mittagessen in der Mensa oder einem Kneipenbesuch nach der Vorlesung, gibt es jetzt virtuelle Kaffeetrinken und Spaziergänge im Nieselregen. Der Forschungsalltag sieht ja eh schon eher isoliert aus, da bleibt zur Zeit schon einiges auf der Strecke – aber es kommt eben auch Neues hinzu: Denn die freie Wahl des Standorts ermöglicht eben auch die unkomplizierte Teilnahme an internationalen Tagungen. Ganz ohne Flugreisen kann ich innerhalb einer Woche an Konferenzen auf drei Kontinenten teilnehmen. Das ist auch ein Gewinn.

MK: Was ist das Besondere/das Spannende an einem Fokus Gender/Diversity in der wissenschaftlichen Arbeit? Warum macht ihr das?

MR: Eigentlich reagiere ich mit meiner genderbezogenen Forschung vor allem auf das, was ich in Kulturtexten der Gegenwart wahrnehme. Ich habe den Eindruck, dass wir derzeit in extrem identitätspolitischen Zeiten leben, in denen die Kategorie ‚Gender‘ nochmal eine ganz andere Relevanz erlangt hat. Derzeit werden globale Machtverhältnisse und strukturelle Marginalisierungen in vielen Bereichen nochmal ganz neu aufgedeckt und aufgerüttelt. Diese neufeministischen Aushandlungen von Genderkonzepten und Identitätsvorstellungen, wie sie sich im Medien- und Kulturbetrieb zeigen, finde ich total spannend und das möchte ich gerne in meinen Analysen genauer ergründen und dabei auch kritisch hinterfragen.

MF: Differenzkategorien wie Gender, Klasse, Ability oder „Rasse“ werden in der Medizin bisher zu wenig Beachtung geschenkt. Meist wird von einem weißen, heterosexuellen, cis-Mann als Norm der Menschheit ausgegangen. Dies betrifft in Teilen auch die Medizinethik und die ihr zugrunde liegenden Prinzipien. Mich interessiert, wie sich unser Blick auf medizinethische Fragen verändert, wenn wir den Einfluss der strukturellen Positionierung von Personen entlang verschiedener, miteinander verflochtener Unterdrückungssysteme kontext-sensitiv und kritisch mitbedenken. Dabei finde ich es spannend, die Rolle der Medizin, insbesondere die der Psychiatrie, aus feministischer Perspektive kritisch zu reflektieren.

MK: „Publish or perish“ ist das geflügelte Wort, das den Publikationsdruck im Wissenschaftsbetrieb ausdrückt. Doch neben Fachpublikationen werden auch die Wissenschaftskommunikation und der Transfer immer wichtiger. Seid ihr aktiv am Wissenschaftskommunizieren? Twitter, #4GenderStudies, Science Slam etc.?

MR: Ich bin eher weniger in Sozialen Netzwerken aktiv. Ich halte Wissenschaftskommunikation aber grundsätzlich für extrem wichtig, damit Erkenntnisse aus der Forschung in weiten Kreisen nach außen dringen und nicht nur unter sich zirkulieren. Dafür ist eine angemessene und anschlussfähige Kommunikation so wichtig – und zum Teil gar nicht mal so leicht. Ich würde mir eigentlich mehr Möglichkeiten des nach-außen-Tragens und auch der Unterstützung für die richtige Aufbereitung wünschen.

MF: Mir geht es ähnlich wie Mirja. Ich denke, dass es wichtig ist, Ergebnisse aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu tragen und möchte hier gerne noch mehr beitragen. Zum einen geht es mir darum, dass diese politisch genutzt und zu einer Veränderung von sozialen Praktiken in den jeweiligen Kontexten führen können. Zum anderen bildet die Öffentlichkeit auch ein wichtiges Korrektiv, um Ergebnisse und Methoden kritisch zu reflektieren. Idealerweise sollte Forschung immer auch Betroffene im Sinne partizipativer Forschung einbeziehen. Leider ist dies meist noch nicht der Fall – zum Beispiel weil keine Gelder für partizipative Forschung bereitgestellt werden und entsprechende Ressourcen fehlen. Darum ist wichtig, dass die Öffentlichkeit die Forschung, zugrunde liegende Hintergrundannahmen, und die darauf basierende medizinische Praxis kritisieren kann. Wichtige Impulse zur Kritik an psychiatrischer Forschung und Praxis kommt zum Beispiel von Aktivist*innen aus der LTGBQI+-Bewegung oder aus Betroffenen Verbänden. Das zeigt, dass die Forschung die Öffentlichkeit braucht, um eigene interne Bias zu sehen und zu korrigieren.

MK: Liebe Mirja Riggert, liebe Mirjam Faissner: Vielen Dank für Eure Initiative und für dieses Gespräch!

Das Forschungskolloquium Gender trifft sich vierzehntägig, dienstags, um 17 Uhr auf Zoom. Die nächsten Termine sind:  25. Mai, 8. Juni, 22. Juni, …

Anmeldung und Kontakt: gender-kolloquium@gmx.de

Mirja Riggert ist Doktorandin im Forschungskolleg „Neues Reisen – Neue Medien“ der Universität Freiburg. Sie arbeitet in ihrem Projekt zu Genderkonstruktionen in digitalen Reiseerzählungen und untersucht, wie intersektionelle Identitätsverhandlungen, autobiografische Reisenarrative und visuell-textliche Medialitäten zusammenwirken. Mirja Riggert hat an der Universität Göttingen Germanistik, Ethnologie und Komparatistik studiert.

Mirjam Faissner arbeitet seit Anfang des Jahres an der Ruhr-Universität Bochum als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Ethik in der Psychiatrie. In ihrem Post-Doc erarbeitet sie ethische Fragestellungen aus einer feministischen Perspektive. Dabei interessiert sie sich besonders für Fragen der Intersektionalität, der Diskriminierung und der feministischen Erkenntnistheorie. MF hat in Hamburg Medizin, Philosophie und Französische Literaturwissenschaften studiert und in der klinischen Psychiatrie promoviert. Nach ihrem Studium arbeitete sie erst als Assistenzärztin in der Inneren Medizin und Geriatrie, bevor sie den Master „Philosophy of Medicine and Psychiatry“ am King‘s College London absolvierte.