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Forschungsprojekte im Fokus

Hier werden in loser Reihenfolge Forschungsprojekte und -arbeiten aus den Bereichen Gender, Queer, Diversity und Intersektionalität an Hamburger Hochschulen vorgestellt. 

Logo des Forschungsprojekts GeLebT


GeLebT: Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans* Menschen

HAW Hamburg/Europa-Universität Flensburg


Interview mit dem Projektteam Lando Lankenau und Ray Trautwein (02/22)

 Seit einem halben Jahr läuft das Verbundforschungsprojekt „GeLebT: Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans* Menschen“ an der HAW Hamburg und der Europa-Universität Flensburg. Das Projekt wird für drei Jahre von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gefördert. Projektleitung sind Prof. Dr. Miriam Tariba Richter (HAW Hamburg) und Jun.-Prof. Dr. Tamás Jules Fütty (Europa-Universität Flensburg). Ich habe mit den beiden wissenschaftlichen Mitarbeitern Lando Lankenau und Ray Trautwein gesprochen und sie zu ihrem Projekt befragt.

MK: Was ist das Ziel von „GeLebT: Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans* Menschen“? Worum geht es bei diesem Projekt? 

LL: Ganz grundsätzlich wollen wir mit dem Projekt einen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung  und -förderung für Trans* Menschen leisten. Dies tun wir, indem wir zunächst die spezifischen Bedarfe und Besonderheiten von Trans* Menschen herausarbeiten. Basierend auf dieser Analyse sollen Maßnahmen zur Verbesserung von gesundheitsförderlichen Lebenswelten, der Unterstützung bei der Gesundheitsförderung oder Kompetenzförderung und Sensibilisierungsmaßnahmen für im Gesundheitswesen Tätige entwickelt werden.

RT: Im internationalen aber auch insbesondere im deutschsprachigen Raum liegen bislang kaum Studien zur Förderung von Trans* Gesundheit vor. Internationale Studien zeigen aber, dass Trans* Menschen eine vulnerable Gruppe bilden, da Trans* Menschen generell häufig diskriminierungsbedingten Stressoren ausgesetzt sind und bspw. auch ein erhöhtes Risiko für Suizid aufweisen. Mit unserem Projekt möchten wir diese Forschungslücke für den deutschsprachigen Raum bearbeiten und zum einen konkrete Handlungsempfehlungen gegen Trans* Diskriminierung im Gesundheitswesen erarbeiten und zum anderen die Gesundheitskompetenzen von Trans* Menschen und damit deren Resilienz stärken.

MK: Wie geht ihr vor? Was ist das Besondere an Eurem Forschungsdesign?

RT: Wir machen eine qualitative Interviewstudie mit rund 30 Einzelinterviews und mehreren Fokusgruppeninterviews. Dabei ist es uns ein wichtiges Anliegen, möglichst viele Trans* Erfahrungen und Trans* Lebenswelten zu berücksichtigen. Denn Trans* Menschen sind keine homogene Personengruppe: Sie sind z.B. alt und jung, weiß und of Color, haben unterschiedliche Bildungsbiographien und Erfahrungen in Erwerbszusammenhängen, leben in (Wahl-) Familien oder als Single, haben Migrations- und/oder Fluchterfahrungen oder auch nicht, verstehen sich als männlich/weiblich (= binär) oder nicht-binär. Wir denken Trans* also intersektional verschränkt.

LL: Darüber hinaus arbeiten wir auf der Basis eines entpathologisierenden Verständnisses von Trans*, d.h. Trans* Sein ist weder erklärungsbedürftig noch ein Zustand, der behandelt oder gar geheilt werden müsste. Das Erfahrungswissen von Trans* Menschen, dass sie in ihren jeweiligen Lebenswelten erworben haben, steht bei uns im Mittelpunkt der Forschung. Damit steht es für uns gleichwertig zu dem (akademischen) Wissen unseres Forschungsteams. Uns ist es wichtig auf Augenhöhe zu forschen. Deswegen entwickeln wir die Maßnahmen und unsere Handlungsempfehlungen perspektivisch im breiten Dialog mit Trans* Menschen, Personen aus dem Gesundheitswesen, Trans* Berater*innen und informellen Unterstützer*innen in der Gesundheitsförderung.

MK: Nennt mal ein konkretes Beispiel für eine gesundheitsfördernde Maßnahme oder die Stärkung von Gesundheitskompetenz?

RT: Bestimmte Sport- oder Bewegungsangebote sind gesundheitsförderlich wie bspw. Schwimmen. Nicht allen Trans* Leuten fällt Schwimmen in öffentlichen Badeanstalten leicht, daher kann ein spezifisches Angebot in diesem Bereich den Zugang erleichtern. Wichtig ist auch eine Sensibilisierung für notwendige Vorsorgeuntersuchungen, wie bspw. gynäkologische Checks auch für trans* männliche Personen.

LL: Zum Thema Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz ist es mir noch wichtig hinzuzufügen, dass es uns dabei im Projekt nicht um eine Selbstoptimierung im neoliberalen Sinne geht, sondern vielmehr um den Blick auf Strukturen im Gesundheitswesen und in den Lebenswelten, die der Gesundheit von Trans* Menschen entgegenstehen. Diese zu verbessern und Gesundheit dabei nicht zu individualisieren ist uns ein wichtiges Anliegen. Gleichzeitig muss dabei aber auch die Selbstbestimmung im Kontext von Gesundheit beachtet werden. Selbstbestimmung über die eigene Gesundheit und den eigenen Körper ist für viele Trans* Menschen ein wichtiges Thema, welches auch im Hinblick auf Gesundheitskompetenz und -förderung einfließen sollte.

MK: Zum Abschluss möchte ich Euch nach einem Tipp für Allies oder solche, die es werden möchten, fragen: Was kann ich in meinem Alltag tun, um Trans* Menschen zu unterstützen?

RT: Ganz oben auf meiner Liste steht solidarisches Handeln: Auch cis Menschen, also Menschen, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren, können bspw. am Arbeitsplatz darauf achten, dass eine gendersensible und respektvolle Sprache verwendet wird. Nennen Sie bspw. in Vorstellungsrunden ganz selbstverständlich Ihr Pronomen und eröffnen Sie so einen Raum, in dem Pronomen nicht selbstverständlich zugeschrieben werden. Achten Sie auf die gendersensible Einteilung von Toilettenräumen, damit alle Menschen diese ohne Sorge aufsuchen können.

LL: Sich selbst über das Thema Trans* informieren. Viele Menschen wissen noch wenig über das Thema Trans*. Und auch darüber was Trans* zu sein alles heißen kann. Nicht alle Trans* Menschen haben die gleichen Wünsche, Erfahrungen oder Lebensläufe. Das ist strukturell bedingt, aber auch persönlich. Strukturell, weil bei vielen Trans* Menschen mehrdimensionale Diskriminierung eine Rolle spielt. Persönlich, weil nicht alle Trans*Menschen die gleichen Wünsche an z.B eine Transition haben. Das heißt nicht, dass eine Person weniger oder mehr Trans* ist, weil sie sich z.B. für oder gegen eine medizinische Transition entscheidet. Sich bei guten Quellen zum Thema informieren heißt im Optimalfall, dass mensch im Umgang weniger unsicher ist, mehr Sachen auf dem Schirm hat. Und mit Quellen meine ich Internet, Broschüren, Bücher, Dokus etc. – nicht jede Trans* Person möchte zu jeder Zeit einen Fragenkatalog zu(m) (eigenen) Trans* Sein beantworten.  Beim Bundesverband Trans* (BVT*) gibt es zum Beispiel viele Informationen, aber auch lokale Beratungsstellen haben oft tolle Informationsmaterialien parat. Für niedrigschwellige Einblicke in Trans* Lebenswelten können auch ein Blick in aktuelle TV- oder Serienformate (z.B. „Pose“) oder auch YouTube-Kanäle wie „Auf Klo“ hilfreich sein.

MK: Lando Lankenau und Ray Trautwein, ich bedanke mich für das Gespräch und freue mich auf die Ergebnisse des Projekts.       

Zur Webseite des Projekts: https://www.haw-hamburg.de/forschung/projekte-a-z/forschungsprojekte-detail/project/project/show/gelebt/

Lando Lankenau, M.A.: arbeitet seit August 2021 als wissenschaftlicher
Mitarbeiter* im BZgA-Projekt „GeLebT: Gesundheitsförderung in Lebenswelten von
Trans* Menschen“ an der Europa-Universität Flensburg. Davor war Lando Lankenau bei
der Therapiehilfe Bremen gGmbH im Bereich der niedrigschwelligen Drogenhilfe tätig.
Studiert hat Lando Lankenau Politikwissenschaft an der Leibniz Universität
Hannover und der Universität Bremen. Lando Lankenaus inhaltliche Schwerpunkte sind
die Themenbereiche Trans* Studies, Politiken der Reproduktions- bzw. Care
Arbeit sowie feministische Ökonomiekritik. 

Kontakt: lando.lankenau@uni-flensburg.de

Ray Trautwein, M.A.: arbeitet am Department Pflege und Management der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg ebenfalls seit August 2021 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „GeLebT“. Zuvor war er am Lehrstuhl für Organisations- und Verwaltungssoziologie der Universität Potsdam in dem Teilprojekt „Organisation und Recht – politische Interessengruppen und rechtliche Interventionen“ der DFG-Forschungsgruppe Recht – Geschlecht – Kollektivität tätig und hat sich dort ein Dissertationsprojekt erarbeitet, das er derzeit noch verfolgt. Studiert hat Ray Trautwein Soziologie und Gender Studies an der Universität Konstanz und der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themenbereiche Trans* Studies, Antidiskriminierungsrecht und Diversität in Organisationen.